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Der Kabarettist, Mathematiker und Musiker Dr. Dietrich Paul in der Mensa des HLG

 

 

 

Mathe, Musik und Kabarett – und es funktioniert doch!

 

Der deutsche Bildungsbürger ist ja einer, der zugleich auf sein Wissen stolz ist und am lautesten darüber lachen kann, wenn andere mal etwas nicht wissen, was er zur Not hinbekommt. Kritisch wird das für einen erst, wenn es um konkretes musikalisches Detailwissen geht („Welche KV-Nummer trägt Bachs Präludium in C-Dur?“) oder gar um – Mathematik. Gott sei Dank sind es immer andere, die Sätze von unglaublicher geistiger Leichtigkeit produzieren, wie dies eine Augsburger Zeitung getan hat: „Ein Fünftel (fast 80 Prozent) der Deutschen haben Probleme mit der Prozentrechnung“, oder in einem anderen Blatt: „Vier von drei Deutschen können nicht rechnen.“ Beruhigend ist, dass man nach einer kleinen Schrecksekunde mitlachen kann und dass man auch tatsächlich gewusst hat, warum es im Sommer heißer ist als im Winter.  

Dass es die Deutschen (im Unterschied zu allen anderen Nationen der Erde...) mit der Mathematik und auch den Naturwissenschaften nicht so genau nehmen, während wir, ja: weil (!) wir uns schon spätestens seit der Geburt Goethes für ein so genanntes „Kulturvolk“ halten, das zumindest im Feuilleton gerne so tut, als wäre Kultur im Gegensatz zur Technik ein gesellschaftlich relevanter Bereich, nimmt Dr. Dietrich Paul alias „Piano Paul“ schon zu Recht aufs Korn. In seinem seit Jahren erfolgreichen Kabarett-Programm „Pisa, Bach, Pythagoras“, das er in der Mensa des Hans-Leinberger-Gymnasiums auf Einladung der Fachschaft Mathematik und des Fördervereins des HLG vor einem – natürlich – von Lehrern dominierten Publikum vorstellte, hob er sich mit seiner beißenden Gesellschaftskritik und seinem gehobenen Anspruch deutlich von der allgemeinen Comedy-Misere ab und bestätigte, was sich das Publikum gerne bestätigen ließ: dass die Deutschen auf ihre Halbbildung gerade in mathematisch-physikalischen Dingen nicht auch noch stolz zu sein bräuchten und dass dieses Publikum hier, nicht zuletzt dank der Anwesenheit vieler Mathematiker (und Musiker!), offenbar von der allgemeinen Ahnungslosigkeit ausgenommen sei. Allerdings möchte man gerne auch einwenden, dass nur ein Teil des Nachwuchses von dem pragmatischen Denken bestimmt wird (etwa zwanzig Prozent, also jeder Zwanzigste) wie es ein oberbayerischer Oberstufenschüler zeigte, der auf die Frage, warum es im Sommer heißer sei, antwortete: „Weil’s andersrum ja ein Schmarrn wäre!“

 

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 Piano Pauls Humor ist gar nicht so lustig – weil er aus dem Leiden an der Geringschätzung der Mathematik bzw. des Geistes überhaupt geboren ist und weil er leider in vielem punktgenau trifft. So besteht der einzige noch mögliche Tabubruch für Dr. Paul darin, auf der Bühne nicht Unzucht, sondern ausgerechnet Mathematik zu treiben. Dabei zeigt er mit seinen Mathe-Beispielen nicht ohne Selbstironie, dass mathematisches Denken Spaß macht und auch durchaus erotische Komponenten enthält. Zumindest ist der Auslöser dafür, sein Becken zu lateinamerikanischen Rhythmen kreisen zu lassen, allein die Tatsache, dass drei und vier teilerfremde Zahlen sind. Um dies und anderes zu demonstrieren, hat Piano Paul auf der Bühne gegenüber einem Overhead-Projektor, den er aus weltanschaulichen Gründen benutzt, einen Flügel aufbauen lassen, auf dem er seine Theorie sofort anschaulich demonstrieren kann.

Dr. Dietrich Paul ist nämlich nicht nur hauptberuflicher Kabarettist und Uni-Mathematiker, sondern auch gelernter Jazz- und Ex-Bar-Pianist, so dass der Zauber seines Programms eigentlich aus der Kombination von Mathematik und Musik besteht. Von Bach und seiner „Joint Venture“ mit Gounod („das Ave Maria von Bach-minus-Gounod“) zurück zur Musiktheorie von Pythagoras und vorwärts ins 20. Jahrhundert zum Ragtime spannt sich der Bogen der Musik, mit der Dr. Paul sein Programm auflockert und zugleich vorantreibt, doch die Anwendung der Polyphonie über der Grundmelodie von „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp“ unter Verwendung aller möglichen Melodien fordert dem Lauschenden auch einiges ab. Piano Paul ist sich dessen durchaus bewusst: „Musik muss weh tun“, zitiert er Adorno, und meint damit natürlich das Publikum.

 

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So beschert Dr. Paul mit seinem beinahe kultig-unzeitgemäßen Bühnenauftritt zwischen Klavier und Overhead-Projektor, gekleidet in einem lachsroten Sakko mit ausgestelltem Hemdkragen, trotz seiner Belastung durch einen gebrochenen Mittelfuß einen temporeichen, mit viel Wortwitz angereicherten und recht bissigen Kabarett-Abend zum Thema des Bildungsnotstandes im PISA-geplagten Volk der Dichter und Denker.