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Abenteuer in einer amerikanischen Großfamilie

KATHI 2016 267Im März 2015 bekam ich die erfreuliche Nachricht: Ich war für ein Stipendium des Parlamentarischen Partnerschaftsprogramms (PPP) des deutschen Bundestags und des amerikanischen Congresses ausgewählt worden! Zwei Monate später wurde mir meine Gastfamilie bekannt gegeben: die Huelskamps aus Sidney, Ohio. Ich sollte mich mit einem „Double Placement“ einverstanden erklären, was bedeutete, dass noch eine 2. Gastschülerin in der Familie aufgenommen werden würde, in meinem Fall eine Moldawierin. Zusammen mit meiner kolumbianischen Gastmutter würden wir so eine sehr internationale Familie abgeben! Es stellte sich sogar heraus, dass es sich um eine äußerst umfangreiche Familie handelte, die noch lebende Gast-Ur-Großmutter hat 107 Urenkel, und an Weihnachten fanden riesige Familientreffen statt.

 

 

 

Die Schule, ein schmuckloses einstöckiges Gebäude außerhalb Sidneys, hatte eine übersichtliche Größe: Zwar besuchten sie Schüler von der 1. bis zur 12. Klasse, pro Jahrgang waren dies aber nur etwa 40 Schüler. Sie kamen aus einem großen Umkreis, meist mit den allseits bekannten gelben Bussen, die über 16-Jährigen oft auch mit dem eigenen Auto, zum Teil mit - für unsere Vorstellungen - riesigen Trucks. 

Ein wichtiger Bestandteil des Schullebens war der tägliche Sport. Je nach Jahreszeit und Neigung gab es eine gewisse Auswahl. Ich begann mit Cross Country, ein Querfeldeinlauf, bei dem man fünf Kilometer im Wettkampf läuft. Und das zwei bis drei Mal pro Woche! Und an den anderen Tagen bis auf Sonntag hieß es Training, Training, Training, mindestens sechs Kilometer am Tag. Samstags ging es schon um 7:30 Uhr zu diversen Wettkämpfen los. Trotzdem habe ich mich jeden Tag auf das Training mit meinem Team gefreut. Viel zu schnell war die Saison jedoch schon vorbei und weiter ging es mit Basketball. Da unsere Schule kein Football anbot, war Basketball der wichtigste Sport und die Spieler waren hoch angesehen. Jedes Familienmitglied der Teamangehörigen, von der Oma bis zum Baby, erschien zu den Spielen, vor allem zu denen unserer Jungsmannschaft, die auch von unseren Cheerleadern fleißig angefeuert wurde, aber auch wir Mädchen wurden mit aller Kraft angefeuert. Als danach die Leichtathletiksaison begann, durfte ich als erfahrene Läuferin auf Distanz rennen, habe also 400m und 800m und länger trainiert. Beides hat mir riesigen Spaß gemacht. Und: der regelmäßige Sport ließ mich trotz der kalorienreichen amerikanischen Kost nicht zu viele Kilos zulegen.  

Neben einigen Wochenend-Trips mit meiner Gastfamilie in das 45 Minuten entfernte Dayton habe ich von meinen Eltern zum 18. Geburtstag eine einwöchige Reise nach Hawaii geschenkt bekommen! Sie wurde von der Austauschorganisation angeboten, fand im Januar statt und war einfach überwältigend: eine komplett andere Kultur, wunderschöne Orte, ein tolles Wetter, sogar surfen waren wir! Weiter ging es dann an Ostern mit einem viertägigen Ausflug mit Gastmutter und Freunden nach Chicago. Wir hatten eine geniale Zeit in der „Windy City“ und marschierten jeden Tag etwa 20.000 Schritte, um alle Sehenswürdigkeiten zu sehen! Mit dem Chor fuhren wir über ein langes Wochenende nach Tennessee zur Teilnahme an einem Chorwettbewerb und einem Besuch in „Dollywood“, einem Freizeitpark gestiftet von Dolly Parton. Gewonnen haben wir den Wettbewerb auch, die Freude darüber war selbstverständlich riesig! Zum Abschluss des Jahres schenkte uns unsere Gastmutter, die früher auch in New York gelebt hat, eine einwöchige Reise dorthin und zu den Niagara Fällen. Auch das war ein einzigartiges Erlebnis.

Etwas ganz Besonderes waren auch die Tanzbälle zu Homecoming und Prom. Der Homecoming-Ball, an dem die ganze Schule teilnahm, findet jährlich im Dezember anlässlich eines wichtigen Basketballspiels statt. Dazu wird zunächst der „Court“ gewählt, die engere Auswahl für mögliche Kings und Queens. Mir wurde die Ehre zuteil, von meiner Jahrgangsstufe mit drei anderen Mädchen und vier Jungs hineingewählt zu werden! 

In den folgenden Wochen ging es dann auf Ballkleidersuche und nachdem ich unzählige Modelle anprobiert hatte, fiel die Wahl auf ein langes dunkelblaues Kleid. Alle fieberten dem spannenden Event entgegen. Eltern und sämtliche Mitschüler waren versammelt, während wir feierlich in die festlich dekorierte Turnhalle unserer Schule schritten und vorgestellt wurden. Dort fand schließlich die Bekanntgabe der Queen und des Kings statt. Am darauffolgenden Tag folgte dann der dazugehörige Ball. Dazu brauchte man natürlich ein Date, glücklicherweise hatte ein Junge aus meiner Spanisch-Klasse, Lance, mich zwei Wochen vor dem Ball gefragt, ob wir zusammen hingehen wollten. An dem Ballabend ging es nach einer langen Fotosession mit einer Gruppe von Mitschülern zum Essen und schließlich in die dekorierte Schulcafeteria. Den ganzen Abend lang wurden verschiedene Party-Lieder gespielt und bis spät in die Nacht getanzt.

Auch die „Prom" im April war ein riesiges Event. Hier wurden aber nur Schüler der 11. und 12. Klassen eingeladen. Anders als Homecoming fand dies nicht in der Schule, sondern in einem kleinen, nahe gelegenen Flughafen statt. Um ein Date gebeten hatte mich wieder der gleiche Junge, mit dem ich auch für Homecoming verabredet war, und wieder ging es vorher zum Fotoshooting und zum Essen mit einer Schülergruppe. Dieses Mal hörte das Tanzen aber schon früher auf, stattdessen zogen sich alle legere Kleidung an und die Party ging in der Schule weiter.

Im Mai war dann auch schon das Schuljahr vorbei und nach bestandenem High-School Abschluss stand die Graduation an. Alle trugen die bekannten Caps und Gowns in den Schulfarben, den ganzen vorhergehenden Tag wurde das Einlaufen geübt. Als dann alle Eltern versammelt waren, begann die Zeremonie mit einem Auftritt des Chors und einigen sehr rührenden Reden. Nach der Zeugnisübergabe folgten tränenreiche Verabschiedungen und unzählige Fotos.

Alles in allem war das ganze Jahr voll von neuen Erfahrungen, Lernmöglichkeiten und Erlebnissen. Ich habe die Amerikaner als ein sehr herzliches, offenes und großzügiges Volk kennengelernt, die eine ganz andere Beziehung zur Schule haben und ein viel größeres Gemeinschaftsgefühl pflegen. Ich könnte mir keinen besseren Weg vorstellen, als ein solches High-School Jahr, um die amerikanische Kultur und Sprache kennenzulernen und den „American Way of Life“ zu leben.

 

Zum Artikel in der Landshuter Zeitung vom 10. März 2017